Weg nach Moskau mit vielen Schlaglöchern

Der Wirtschaftsboom in Moskau zieht immer mehr österreichische Investoren an. Doch der massive Personalmangel bremst. Bene, Stahlbau Unger und Backaldrin geben sich trittsicher
Moskau - Gerald Sakuler, Chef von Bene in Russland und Vizepräsident der European Business Association, ist stets auf der Hut. Die russischen Straßen seien mit Schlaglöchern versehen, sagt er. In den Wäldern mehrten sich Bäume mit ätzenden Säften. Und mancher Taxifahrer scheue sich nicht, die Fahrt trotz Schneesturms abzubrechen, läuft ihm eine schwarze Katze über den Weg. "Außerhalb von Moskau ist Wildnis, das prägt. Die Russen sind ein Naturvolk."
Sakuler arbeitet für den Büromöbelhersteller Bene seit 17 Jahren in Moskau. Damals gab es keine Straßenbeleuchtung, heute gehen in der 14-Mio.-Einwohner-Metropole die Lichter rund um die Uhr nicht aus. Die Wirtschaft boomt, und das rasante Wachstum werde sich in den kommenden fünf Jahren nicht einbremsen, sagt Sakuler. Er holte für Bene im Vorjahr Aufträge im Wert von 21 Mio. Euro. Das sind 15 Prozent des Gesamtumsatzes des Waidhofner Konzerns und bringt ihm rund ein Drittel des Gewinns.
Was in Moskau zähle, sei Einzigartigkeit, und das sei die Chance für westliche Unternehmen. Einer der jüngsten Bene-Aufträge für einen Oligarchen war ein mit Swarovski-Kristallen bestückter Schreibtisch. Wert: rund 40.000 Euro. Bene würde noch schneller wachsen, gebe es in Moskau nicht einen massiven Personalmangel, sagt Sakuler. "Ich weiß nicht, wo all die Leute sind. Dieses Problem hat jedes Unternehmen."
Auf 20 offene Stellen kommt oft eine Bewerbung. Ausgebildete Mitarbeiter werden gerne von russischen Firmen abgeworben. Die zahlen nicht selten zwei- bis dreimal höhere Gehälter.
Moskaus Dynamik stößt aber auch an anderen Fronten an Grenzen. Ein gravierendes Wirtschaftsproblem ist der Verkehrsstau geworden. Das, obwohl erst ein Viertel der Moskauer Autos besitzen und die U-Bahn im 30-Sekunden-Takt fährt. Auch im Autohaus von Mitsubishi gibt es fast kein Durchkommen. Die Verkaufstische stehen dicht gedrängt, die Kunden stellen sich um Beratungsgespräche an. 8000 Fahrzeuge werden hier im Jahr verkauft, heißt es. Immer noch zu wenig, um die hohe Nachfrage zu erfüllen. Gebaut haben den Standort Burgenländer: Stahlbau Unger hat in Moskau mittlerweile zehn Autohäuser errichtet, das größte Porsche-Haus der Welt steht kurz vor Bauabschluss. Unger stellt zugleich die größte Müllverbrennungsanlage der Stadt auf die Beine.
2008 investiert das Familienunternehmen 17 Mio. Euro in eine neue Produktion in Kaluga. "Wir nutzen bis dahin die Zeit, um die richtigen Leute zu finden", sagt Geschäftsführer Josef Unger. Sein Betrieb sei hier mit westlichen Investoren mitgewachsen. Die Strategie, um am Markt zu bestehen, seien schlüsselfertige maßgeschneiderte Stahlbauten. Und als alleiniger Inhaber könne er flexibel und rasch agieren.
Das richtige Rezept für Russland will auch Peter Augendopler gefunden haben. Der Produzent von Backmischungen und Erfinder des Kornspitz hat am Stadtrand von Moskau acht Mio. Euro in einen neuen Standort investiert. Dieser dient dem Vertrieb - und der Ausbildung von Bäckern. Augendoplers Unternehmen Backaldrin versorgt Russland derzeit mit Backmischungen für monatlich bis zu zehn Millionen Kornspitz. "Aber wir sind hier erst am Anfang. Wir erwarten uns deutlich mehr."
"Der Markt ändert sich monatlich"
Die Zahl der Brotsorten habe sich in Russland seit 1995 verzehnfacht. Neben den Brotfabriken entstanden tausende neue gewerbliche Bäcker. Der Markt ändere sich monatlich, der Appetit nach Neuem sei nicht zu stillen, sagt Augendopler. Einer seiner Moskauer Kunden ist eine deutsche Bäckerei. Er sei vor drei Jahren nach Russland gekommen, habe keine vernünftige Brotauswahl gefunden und mit Partnern einen Backbetrieb gestartet, sagt der deutsche Eigentümer. Mittlerweile beliefere er Luxushotels und Supermärkte. Die Russen davon zu überzeugen, dass Brot nicht nur günstiges Grundnahrungsmittel sei, sondern auch seinen Preis habe, sei allerdings nicht einfach.
Augendopler geht davon aus, dass Russland für Backaldrin auf lange Sicht der wichtigste Auslandsmarkt wird. Der Oberösterreicher hat neben der Niederlassung in Moskau ein kleines rot-weißes Häuschen errichten lassen. Es ist für zwei herrenlose Hunde. Sie ließen sich durch den Werksbau nicht vertreiben. (Verena Kainrath, Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 04.06.2007)