Friday, 20. Jan 2006, 13:11

Russlands Wirtschaft hat sich stabilisiert und das künftige Potenzial liegt nicht nur im Rohstoffvorkommen Russlands.


Kurzer Überblick des Wirtschaftspotentials

Seit dem Jahr 2000 ist eine deutliche politische und wirtschaftliche Stabilisierung in Russland nicht zu verkennen. Seit Präsident Putin die Machtzügel seines Landes an sich gezogen hat, ist die staatliche Außenverschuldung deutlich gesunken. Die Stabilität in Russland gründet sich auf dem starken Wirtschaftswachstum.


Als eines der wenigen Länder konnte Russland einen großen Teil seiner Schulden an seine Gläubiger zurückzahlen, was vor allem im Westen als ein positives Zeichen der Liquidität Russlands gewertet wurde. Dank der vorfristigen Rückzahlung von 18 Milliarden US-Dollar an den Pariser Club der Gläubigerländer hat Russland 2005 etwa fünf Milliarden Dollar an Zinsen gespart. 2006 dürfte diese Summe knapp 850 Millionen Dollar betragen (RIA).


Der Bestand der Gold und Devisenreserven Russlands stieg allein von 2003 bis 2004 um 61,9 Prozent von 76,9 USD auf 124,5 Milliarden USD deutlich an. Im letzten Jahr war eine ähnliche Entwicklung zu beobachten. Dies spricht für die positive Entwicklung der russischen Wirtschaft und die Stabilisierung des russischen Rubels auf dem Weltmarkt. Umgerechnet rund 28 Milliarden USD Überschuss sind im russischen Haushalt 2006 eingeplant, während die meisten europäischen Länder mit Haushaltsdefiziten in Milliardenhöhe zu kämpfen haben.


Die EU-Kommissionsprognose (Herbst 2004) für das Jahr 2006 geht von einer leichten Dämpfung des russischen Wirtschaftswachstumsaus. Nach Einschätzung der EU-Kommission dürfte die Wirtschaftszuwachsrate von 6,6 Prozent (2005) auf 5,1 Prozent sinken, wobei die meisten Experten von einem Wirtschaftswachstum von guten 5,7 Prozent ausgehen. Trotz der geringen Abschwächung wird keine Unterbrechung des positiv anhaltenden Trends erwartet.


Dabei strebt die russische Regierung nach wie vor die Verdoppelung des Bruttoinlandsprodukts innerhalb von zehn Jahren an, so der russische Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel, German Gref. Laut Experten hat Russland das Potential dazu. Das ist vor allem durch die riesigen Rohstoffvorkommen sowie die zukünftig stärkere Erschließung des russischen Konsummarktes begründet. Dabei muss man bedenken, dass Ehrgeiz im Wirtschaftsbereich immer eine gute Sache gewesen ist, doch darf man dabei auch nicht zu euphorisch werden. Ein Anstieg des BIP innerhalb der nächsten zehn Jahre um 50-60 Prozent ist meiner Meinung nach realistisch.


Zwar wird die Vorgehensweise der Regierung um Präsident Putin in den Bereichen Demokratie und Menschenrechte von vielen internationalen Organisationen kritisch beäugt, so darf man dennoch die Signale der zunehmenden Aufbruchstimmung als einen wichtigen Indikator für das wahre wirtschaftliche Potential Russlands nicht außer Acht lassen. Ähnlich wie China und Indien kann auch Russland in einen wahren Wachstumsrausch fallen, sollten die Bedingungen auf dem nationalen und internationalen Markt diese Entwicklung begünstigen.


Nachdem der russische Wirtschafts- und Handelsminister German Gref eine Reduzierung der Mehrwertsteuer von derzeit 18 auf 15 Prozent im Jahr 2007 für möglich hält, zogen bereits mehrere internationale Konzerne die Möglichkeit der Standortverlagerung nach Russland in Betracht - vor allem auch durch die Tatsache, dass ab 2007 die Mehrwertsteuer in Deutschland von derzeit 16 auf 19 Prozent angehoben wird.



Ein Blick auf die russische Börsenentwicklung

Die Entwicklung der russischen Börse RTS kann die Entwicklung der russischen Wirtschaft sowie den Trend der letzten Jahre nicht nur bestätigen, sondern auch bekräftigen. Der RTS-Index zählte letztes Jahr zu den Highflyern der internationalen Börsen. Die beträchtliche Zuwachsrate von über 110 Prozent sprach ein deutliches Wort in Sachen Aufbruchstimmung und fortsetzendem Wirtschaftswachstum.


Dabei profitiert Russland stark vom anhaltenden Öl- und Rohstoffboom. Die gesamte Palette der Konzerne aus diesen Bereichen konnte ihre Umsätze und Gewinne steigern. In einer Regierungssitzung sagte Ministerpräsident Michail Fradkow, dass die russische Regierung versucht, die schädliche Abhängigkeit der Wirtschaft von Ölpreisen zu überwinden, um noch mehr Stabilität gewährleisten zu können. Deshalb muss man auch feststellen, dass nicht nur der Rohstoffsektor, sondern auch der Binnenmarkt an positiver Eigendynamik zugenommen hat und somit für das gute Wirtschaftswachstum gesorgt hat und voraussichtlich auch weiterhin sorgen wird.


Trotz der euphorischen Stimmung auf der russischen Börse sollen vor allem europäische Anleger vor möglichen Rückschlägen gewarnt sein. Der Fall Yukos / Chodokowski ist noch vielen in guter Erinnerung. Wenn man die politischen und juristischen Hintergründe außer Acht lässt und nur die wirtschaftliche Auswirkung in Betracht zieht, so war dieser Vorfall zunächst ein mal hemmend für die russische Börsenentwicklung.



Russland - bald ein starker Konsummarkt?

Aufgrund der Entwicklung auf den europäischen Märkten hat sich der Konkurrenzdruck in den heimischen Märkten enorm vergrößert. Dazu kommt das starke Wirtschaftswachstum der asiatischen Länder wie China, Indien und Thailand, die mittlerweile in einem mindestens ebenbürtigen Konkurrenzkampf mit Europa, USA und Japan stehen. Diese Tatsache der neuen Wettbewerbssituation zwingt vor allem europäische Unternehmen, sich neue Absatzmärkte im Ausland zu erschließen und zu sichern.
Auf heimischem Boden müssen sich die Europäer zunehmend nicht nur mit hohen Lohn- und Nebenkosten, geringeren Gewinnmargen und den gesättigten Märkten auseinandersetzen, sondern auch mit dem enormen Druck aus dem asiatischen Raum. An einer Erschließung verschiedener Länder und deren Märkten kommt Europa nicht vorbei. Nun stellt sich die Frage: Warum Russland ?


Zunächst einmal bietet der russische Markt eine interessante Ausgangslage für das europäische Engagement. Es treffen sich ungesättigte Märkte bei ständig wachsender Kaufkraft der Bevölkerung sowie einem fortschreitend wachsenden Wirtschaftswachstum des Landes. Hinzu kommen Idealbedingungen wie die Nähe zum EU-Markt und die großen Rohstoffvorkommen in Russland, die immer stärker eine größere Rolle für den Welthandel spielen. Dabei sei nicht zu vergessen, dass die Energieversorgungssicherheit Europas zunehmend zu einem großen Teil vom russischen Markt abhängig sein wird. Deshalb sind Kooperation und internationale Partnerschaften im Wirtschafs- und Politikbereich sowie im Energiesektor enorm wichtig für alle Seiten.


Natürlich darf man nicht vergessen, dass nicht alles, was glänzt, auch Gold ist. Deshalb muss die Erschließung des russischen Marktes schrittweise und gut überlegt vollzogen werden, um die möglichen Fehlentwicklungen und Risiken zu minimieren. Risiken und Chancen müssen ähnlich wie auf dem europäischen Konsummarkt abgewogen betrachtet werden. Zu empfehlen ist eine Zusammenarbeit mit russischen Partnern, die in dem jeweiligen Marktbereich bereits integriert sind und Erfahrungswerte aufzuweisen haben. Dies ist von vorn herein ein guter Rat, um den “Traum eines boomenden russischen Marktes” nicht zu schnell ausgeträumt zu haben.

Autor: Stanislaw Schneider