Die Moskauer Krähen werden immer frecher
19:02 | 28/ 09/ 2005

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MOSKAU, 28. September (Tatjana Sinizyna, RIA-Nowosti-Kommentatorin). Die Moskauer Krähen benehmen sich immer frecher. Ich habe das vor kurzem selbst erlebt.

Auf der Moskauer Fußgängerstraße Arbat sah ich eine Krähe, die mit ihrem Schnabel am Kopf der zierlichen Figur der Prinzessin Turandot vor dem Gebäude des Wachtangow-Theaters hackte. Ich wollte sie wegscheuchen und schwenkte mit meiner Handtasche. Blitzschnell ging der Vogel im Sturzflug auf mich nieder und drehte eine bedrohliche Runde über meinem Kopf. Danach setzte sie sich wieder auf Turandots goldenen Haaren wieder.

Die Plastik ist wohl kaum mit echtem Gold bedeckt. Die Kuppeln der zahlreichen Moskauer Kirchen werden aber in der Tat mit Blattgold geschmückt, und die Krähen knabbern es mit Vergnügen ab. Den ganzen Tag hindurch picken sie zum Entsetzen der Wächter und Restauratoren daran, die zuschauen müssen, wie die Blattgoldfetzen vom Winde verweht werden. Die Krähenumtriebe werden bereits als "unkalkulierbares Baurisiko" bezeichnet.

Zugleich ist es äußerst schwierig, die Krähen loszuwerden. "Bekanntlich sind die Krähen sehr klug, sie sind die Primaten der Vogelwelt", stellt Dr. rer. biol. Wladimir Iwanizki aus der Moskauer Staatlichen Universität fest. "Der Kampf gegen die Krähen ist genauso kompliziert wie der gegen die Wölfe, die ebenfalls klug und schlau sind. Im Grunde genommen, ist die Rabenkrähe ein gefederter Wolf." "Intellektuell" sei die Krähe einem Papagei gleichzusetzen. "In der angeborenen Vitalität dieser Vögel und ihrer Fähigkeit zu vielen Arten der Tätigkeit und vielen Manipulationen drückt sich gerade ihr Intellekt aus."

Die Krähenpopulation in der Welt ist riesig, weil sie Allesfresser sind und sich durch eine außerordentliche Zählebigkeit auszeichnen. Die Moskauer Krähen sind grau, haben einen starken Schnabel und wiegen etwa ein Pfund herum. Sie rauben anderen Vögeln den Lebensraum, beschädigen Dächer und verschmutzen historische Denkmäler. Ihr beliebtester Übernachtungsort ist der Kreml. In Tausenden drehen sie sich abends im Kreis über den Kremlmauern und lassen sich dann auf die Bäume des anliegenden Alexandergartens nieder. Die Stelle um den Kreml herum ist nämlich die wärmste in der Stadt. "Die ‚Luftlinse' über dem runden Territorium der Stadt akkumuliert die Wärme im Stadtzentrum", so Iwanizki. "Der Temperaturenunterschied zwischen dem Roten Platz und den Randbezirken kann bis zu fünf Grad betragen. Die klugen Krähen wählen eben die wärmste Stelle, um ihre Energie zu sparen."

Das laute Krähengeschrei über den Kreml hat seinerzeit Jossif Stalin aus der Fassung gebracht. Die Wächter taten ihr Äußerstes, um die Vögel wegzuscheuchen. Die Krähen haben aber ein exzellentes Gespür, wenn es um ihre Sicherheit geht. Man wollte sie mit Flinten abschießen - sie erkannten aber schnell die Schussweite und mieden die gefährliche Nähe. Man wollte sie vergiften - sie ignorierten das "Futter". Man versuchte, sie mit grellen Lichtreflexen zu vertreiben - aber auch diesen Trick erkannten sie schnell. Auch die akustischen "Vogelscheuchen" helfen nicht viel.

Der Kampf gegen die Krähen bereitet jedem Kreml-Kommandanten viel Kopfzerbrechen. Der jetzige, Sergej Chlebnikow, ist da keine Ausnahme. Erfolge in diesem Kampf gibt es dennoch. Zur Kreml-Wache gehört nämlich eine ganze Gruppe von Habichten und Falken, die täglich Krähen - und zugleich auch Tauben - jagen. Unter den gefederten Kreml-Beschützern gibt es auch Asse wie die Habichte Alfa, Mascha und Black.

Viele Probleme bereiten die Krähen auch dem Moskauer Zoo. Dort stehlen sie den Tieren ihr Futter, greifen Wasservögel an und stehlen deren Jungen. Gegen die Krähen wurden im Zoo spezielle Fallen aufgestellt: Eine Art Käfige, in denen ein Napf mit Futter steht. In den Dächern der Käfige ist ein Schlitz offen gelassen, durch den der Rabe zwar hinein kann, aber nicht mehr hinaus. Auf dem Roten Platz wie auch vor den Kreml-Kathedralen würden aber solche Käfige komisch aussehen. Deshalb werden die Krähen wohl auch in nächster Zukunft das Gold von den Kirchenkuppeln abkratzen. Und die Menschen werden diese Kuppeln dann neu vergolden.