Die günstige Weltkonjunktur und das bedeutende Wirtschaftswachstum in den letzten fünf Jahren haben es Russland erlaubt, in seinen Gold- und Devisenreserven über 100 Milliarden Dollar zu speichern.

Das seinerseits ermöglicht es ihm, die Auszahlung seiner Auslandsschulden zu beschleunigen. German Gref, Russlands Minister für Wirtschaftsentwicklung und Handel, sagte, die Schuldentilgung sei eine der Prioritäten des Landes, weil das auf sein Image abfärbe. Russland habe sich, wie er hinzufügte, aus der Reihe der armen Länder, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können, emporgearbeitet.

Mitte des Jahres betrugen sie 112 Milliarden Dollar beziehungsweise 28 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Noch vor vier Jahren machten die Auslandsschulden des Staates 54 Prozent des BIP aus und beliefen sich auf 139 Milliarden Dollar. Erwähnenswert ist, dass Russland den Großteil seiner Schuldverpflichtungen von der UdSSR geerbt hat. Allein für die Bedienung der Zinsen auf diese Schulden müssen dem russischen Haushalt Riesenmittel abgezwackt werden. Im laufenden Jahr seien, wie Finanzminister Alexej Kudrin sagte, 9 Milliarden und im nächsten Jahr 8,75 Milliarden Dollar für diese Zwecke vorgesehen. Laut Berechnungen des Hauptfinanciers des Landes könne eine vorfristige Auszahlung von 30 Milliarden Dollar bei einem Bedienungspreis von 7 Prozent bis zu 2 Milliarden Dollar freistellen. Das aber entspräche einer 15-prozentige Erhöhung der Löhne und Gehälter aller aus dem Haushalt bezahlten Beschäftigten des Landes.

Was unternimmt Moskau, um die Schuldentilgung zu beschleunigen? Für 2005 ist vorgesehen, dafür ein Drittel aller überschüssigen Mittel des Stabilisierungsfonds (dessen Volumen auf 17 Milliarden Dollar geplant wurde) zur Verfügung zu stellen. Gegenwärtig entfällt beinahe die Hälfte der Außenschulden des Landes auf Kredite der Mitgliedsländer des Pariser Klubs. Auf die wichtigsten Gläubigerstaaten, die USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien, entfallen laut Angaben des Finanzministers heute 42 Milliarden Dollar.

Die Bedingungen, zu denen der UdSSR Kredite gewährt wurden, erlaubten es, zu den Marktmechanismen (Tausch gegen Eigentum, Effekten, Aktien, Eurobonds u. a.) in einem Umfang zu greifen, der nicht über 36 Prozent der summarischen Staatsschuld lag. Die heutige Wirtschaftslage unseres Landes erlaubt es ihm, durch die Erweiterung der Sektoren der Marktmechanismen die Rückzahlung der Schulden zu beschleunigen. Mit den Kreditoren wird darüber verhandelt, ab nächstes Jahr den Anteil der Marktmechanismen an der Auszahlung der Schuld an die Mitgliedsländer des Pariser Klubs auf 43 Prozent zu erhöhen. Die Hauptkreditoren stehen alles in allem positiv zu Russlands Initiative, allerdings vorläufig nur im Zuge inoffizieller Konsultationen über eine Optimierung der Schuldenstruktur, wie der Minister sagt.

In diesem Sinne wurde bis vor kurzem auch mit Deutschland verhandelt. Dies nicht nur deshalb, weil es bei den internationalen Kontakten Russlands eine besondere Rolle spielt. Deutschland ist bei der Anlage von Kapital in Russland führend. Doch hat sich der klare Himmel der russisch-deutschen Zusammenarbeit getrübt. Erstmalig in den Praktiken des Pariser Klubs haben die deutschen Financiers aus eigener Initiative Obligationen, die an die Auszahlung der russischen Schulden gebunden sind, für den Verkauf an Privatinvestoren ausgegeben. Die Obligationen haben einen Wert von 6 Milliarden Dollar.

Moskau hat in Erklärungen darum gebeten, eine solche Operation nicht zu wiederholen - da es, wie Finanzminister Kudrin sagte, notwendig sei, auf jede Weise eine Lage zu vermeiden, bei der andere Länder über die russische Schuld verfügen könnten. Moskau berücksichtige die heutigen Haushaltsschwierigkeiten Deutschlands und dessen Bestreben, das Haushaltsdefizit auf die in der EU verbindlichen 3 Prozent zu senken, und habe, so Kudrin, Deutschland vorgeschlagen, seine Schuld gegen russische Eurobonds zu tauschen, damit Berlin durch ihre Realisierung seinen Haushalt auffülle. Darüber hinaus sei Russland sogar einverstanden, seine Schuld gegenüber Deutschland zum Teil in Bar mit einem entsprechenden Diskontsatz zu tilgen.

Die Behauptungen, die dieser Tage in den deutschen und russischen Massenmedien aufgekommen sind, Deutschland wolle die russischen Schulden wiederholt verkaufen, haben in Moskau eine augenblickliche Reaktion ausgelöst. Es handelt sich zwar nicht um offizielle Nachrichten der deutschen Behörden, sondern nur um Pressemeldungen, dennoch haben es die russischen Behörden vorgezogen, ihre Einstellung dazu zu verlautbaren. Am Mittwoch erklärte der russische Finanzminister: "Russland hofft, dass Deutschland nicht noch einmal an die russische Schuld gebundene Obligationen emittiert... Wir hoffen", sagte Kudrin, "dass Deutschland das gegenwärtig nicht tut."

Die Weltagenturen, die Auszüge aus deutschen Zeitungen über die zweite Obligationsausgabe nachgedruckt haben, versuchen unserer Meinung nach, eine Art "Finanzskandal" zwischen Russland und Deutschland zu entfachen.

Aber am 22. Oktober teilte uns Sergej Stortschak, Direktor des Departements für internationale finanzielle Beziehungen, Staatsschulden und staatliche Guthaben des Finanzministeriums Russlands, mit: "Gegenwärtig laufen zwischen den Financiers unserer beiden Länder Konsultationen über die gegebene Frage." Eine andere Quelle im Finanzministerium fügte hinzu, dass die russische Einstellung zum Ausverkauf von Russlands Schuldverpflichtungen nach wie vor ausgesprochen negativ ist.

Zieht man in Betracht, dass ein offizieller Vertreter des deutschen Bundesfinanzministeriums bereits am 19. Oktober solche Gerüchte als haltlos und die Publikationen in einigen deutschen Massenmedien als Spekulationen bezeichnete, da Deutschland 2005 keine Ausgabe von an die russischen Schuldenzahlungen gegenüber Deutschland gebunden Kreditnoten beabsichtige, handele es sich um ein Informationskomplott. Es fragt sich: Gegen wen wohl? (Wassili Subkow, Wirtschaftskommentator der RIA Nowosti.)